33. Sonntag im Jahreskreis – C:
2Thess 3,7-12 / Lk 21,5-19

(Linz – Ursulinenkirche, 17. XI. 2019)

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Eine kurze bibelwissenschaftli­che Vorbemerkung zu dieser Evangelienstelle: Zur Zeit, als das Lk-Evan­gelium abgefasst wurde, war das, was sich hier aus dem Mund Jesu wie die Ankündigung eines endzeitlichen Katastrophenszenarios ausnimmt, bereits Realität bzw. schon wieder Vergangenheit: Im Jahre 70 n. Chr. erlebte das Judentum mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die römi­sche Armee die tiefste Infragestellung seiner Religion. Die Götter Roms schienen sich endgültig als mächtiger erwiesen zu haben als Jahwe. Mit dieser realen und religiösen Katastrophe war für gläubige Juden die Welt aus den Fugen geraten, damit aber auch die Stunde für Endzeitpropheten aller Couleurs angebrochen. Die Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Weltendes war en vogue.

Auch das frühe Christentum neigte dazu, sich solchen Endzeit-Erwartungen hinzugeben. Es sah sich darin noch bestätigt durch die Verfolgung, der es zeitweise ausgesetzt war, und die in unserem Evangelien­abschnitt nicht weniger deutlich anklingt. – Die Erwartung des nahen Weltuntergangs und die Frage, wie man sich diesbezüglich verhalten sollte, bildet auch den Hintergrund für die zuvor gehörte Passage aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Thessaloniki: Es gab dort offenbar Gemeindemitglieder, die ihre alltäglichen Pflichten vernachlässigten und ihre bisherige Lebensweise aufgaben, weil die Zeit ja dem Ende zu ging. Paulus ermahnt in dieser Situation gegen jedwede Endzeit-Hysterie zur Nüchternheit: Alle sollen weiter in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen und ihr selbst verdientes Brot essen. Es klingt nach: Weitermachen wie bisher – komme, was wolle!

In der weit verbreiteten Erwartung eines bevorstehenden Weltuntergangs lassen sich nun durchaus Parallelen zu unserer Gegenwart (und jüngeren Vergangenheit) ziehen. War es in den Jahren des Kalten Krieges v.a. die Furcht vor einem nuklearen Over-Kill, welche die Zukunftserwartung vieler Zeitgenossen verdunkelte, sind es mittlerweile Zukunftsszenarien wie die Erschöpfung lebensnotwendiger Rohstoff- und Energieressourcen, das weltweite Artensterben und v.a. die irreversible Erwärmung des Weltklimas über ein der aktuellen Biosphäre zuträgliches Maß hinaus. – Würde angesichts solcher Zukunftsaussichten Paulus seinen Appell „Weitermachen wie bisher!“ heute wohl wiederholen? Würde er sich damit nicht schuldig machen der Verantwortungslosigkeit gegenüber kommenden Generationen? Paulus – ein skrupelloser Klimaleugner a lá Trump, Bolsonaro, FPÖ und Konsorten?

Ich glaube, Paulus wäre damit gründlich missverstanden. Es ging ihm ja wohl nicht um ein bedenkenloses Festhalten am bisherigen äußeren Lebenswandel! Sein Kernanliegen ist ganz anders zu interpretieren: unbedingtes Festhalten an der bisherigen Verantwortung!

Die Endzeit-Rede Jesu im Lk-Evangelium endet mit einem dafür bedeutsamen Satz: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ In einer dem griechischen Original-Text etwas näheren Übersetzung lautet der Satz: „Gewinnt euer Leben durch geduldiges Ausharren!“ – Und wer auch noch den hier zentralen griechischen Begriff für „Geduld“ – ὑπομονή (hypomoné) – wörtlich nimmt, wird überhaupt weggelenkt von „erdulden“, „ertragen“, „ausharren“, sondern eher in Richtung: „dran bleiben“, „treu bleiben“. – Ich würde diesen Satz demnach so übersetzen: „In eurer Treue findet ihr euer Leben.“ – Oder etwas freier: „In der Treue zu dem, was ihr glaubt, hofft, liebt, findet ihr euer Leben / euch selbst!“

In der Zeit des frühen Christentums erfuhr sich die Menschheit dem Lauf der Welt noch weitgehend ohnmächtig ausgeliefert, auch ihrem möglicherweise nahen Untergang. In dieser Situation mahnte Paulus, einfach an der bisherigen Verantwortung für das eigene und das Leben der Anvertrauten festzuhalten. Heute hat sich der Raum menschlicher Verantwortung im Gleichschritt mit dem hochentwickelten Wissen, aber auch Können der Menschheit bedeutend erweitert. Verantwortung und Treue zu dem, was wir glauben, hoffen und lieben, bedeutet heute demnach alles andere als „weitermachen wie bisher“; heute bedeutet es vielmehr, alles in unserer Macht Stehende tun, damit gutes Leben weiterhin möglich ist – und gerade deshalb nicht weitermachen wie bisher!


Nächste Predigt: 1. Adventsonntag − A, 1. XII. 2019

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Die Wahrheit ist
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(Ingeborg Bachmann)
Markus Schlagnitweit