29. Sonntag im Jahreskreis – C:
Ex 17,8-13 / Lk 18,1-8

(Linz – Ursulinenkirche, 20. X. 2019)

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Das Thema beider Schriftlesungen ist klar: Beten. Die hebräische Bibel überliefert uns das eindrucksvolle Bild, wie Mose auf dem Feldherrnhügel mit erhobenen Armen den Sieg seines Heeres herbeibetet; und im Evangelium ermuntert Jesus seine Gefährten zum Beten ohne Unterlass. Er erzählt dazu dieses Gleichnis vom selbstgefällig-trägen Richter und der penetranten, aber schließlich zu ihrem Recht kommenden Witwe. Will uns das Gleichnis sagen: „Betet, was das Zeug hält! Liegt Gott hemmungslos in den Ohren mit Euren Wünschen und Anliegen! Dann wird Er sich schon erweichen. Nur wer lästig genug ist, hat Erfolg.“? – Viele Gebete sind ja auch tatsächlich von dieser Art: Gebete wie vorweihnachtliche Wunschzettel oder wie das Gequengel von Kindern vor dem Regal mit den Naschereien; Gebete als Träger unserer heißesten Wünsche und Sehnsüchte, die dann – was Wunder? – oft genug frustriert und enttäuscht werden.

Denn so kann’s ja nicht gemeint sein. Wie sollte das denn auch funktionieren – bei der Widersprüchlichkeit unserer Gebetsanliegen? Die Einen fordern z.B. längst fällige Reformen in Kirche und Gesellschaft, die Anderen bunkern sich gebetsweise ein, damit nur alles ja so bleibt, wie’s ist. Auf wen sollte Gott da hören, welcher Bitte Folge leisten? – Aber ist nicht die Vorstellung an sich schon verquer: Gott als etwas träges „Amt zur Erfüllung von Wünschen aller Art“!?! Gott als Bedürfnisbefriedigungsanstalt!?!

Völlig zurecht und trotzdem irritierend hat Antoine de Saint-Exupéry einmal formuliert: „Ein Gott, der … dem Gebet gehorcht, ist kein Gott mehr. … die Größe des Gebets beruht vor allem darauf, dass ihm nicht geantwortet wird und dass dieser Austausch nichts mit einem schäbigen Handel zu tun hat.“ – Wesen und Größe des Gebets bestehen darin, „dass ihm nicht geantwortet wird“! Denn das Gebet ist letztlich Ausdruck der lebendigen und liebenden Beziehung zwischen Mensch und Gott. Weil von echter Liebe aber erst dort die Rede sein kann, wo kein Geschäft mehr zu machen ist, besteht das Erlernen des Gebets nach Saint-Exupéry letztlich im Erlernen des Schweigens: des Schweigens über die eigenen Wünsche! (A. de Saint-Exupéry, Stadt in der Wüste)

Was aber hat das mit unserem Gleichnis vom Richter und der Witwe zu tun? – Sowohl im Gleichnis als auch in seiner Ausdeutung ist etwas sehr Wesentliches über den Inhalt der Gebete ausgesagt, die Gott erhört. Die lästige Witwe verlangt vom Richter ja nicht irgendetwas, sondern ihr Recht. Und ähnlich beschreibt Jesus das Handeln Gottes gegenüber den Betenden: „Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen.“ Es geht also nicht um x-beliebige Wünsche und Sehnsüchte, sondern um Gerechtigkeit und Recht. Das sind entscheidende Kategorien des Gottesreiches – und auch daraus lässt sich etwas für eine gute, taugliche Gebetspraxis ableiten:

Elias Canetti nannte das Beten einmal „Einübung der Wünsche“ und meinte damit vielleicht: Es geht nicht um das Aussprechen irgendwelcher, sondern um das Aussprechen der richtigen Wünsche. Und das nach Maßgabe unseres Evangeliums richtige Gebet hat eben nicht irgendetwas, sondern hat die Bitte um Gerechtigkeit zum Inhalt. Gerechtigkeit meint in der Sprache der Bibel immer das Lebensrecht der Armen und Schutzlosen, das Recht jener, die nicht selbst für ihr Recht sorgen können und denen es deshalb vorenthalten wird. Das ist auch der Grund, weshalb die Protagonistin unseres Gleichnisses eine Witwe ist: zur Zeit Jesu ein Inbegriff von Schutz- und Rechtlosigkeit.

Damit ist aber sehr viel über das Beten gesagt: Richtig Beten heißt demnach nicht, sich im Gewölk der eigenen Wunschträume verlieren. Nein, Beten heißt zunächst, in aller Schärfe sehen, was ist, wie es steht um diese Welt und das Recht der Schwachen und Bedrängten. Und das wäre dann auch der Kern christlichen Betens: Benennen des Unrechts gegen Arme und Schwache und Ruf nach Gerechtigkeit für sie.

Es geht dabei gar nicht darum, dass ein zuweilen schwerhörig anmutender Gott erst auf diese Nöte und Missstände aufmerksam gemacht werden müsste, damit er endlich etwas unternimmt. Hier ist das Bild dieses selbstgefällig-trägen Richters wohl nicht 1:1 auf Gott zu übertragen. Aber das Zur-Sprache-Bringen, das Sichtbar- und Hörbar-Machen – also das Wahr-Nehmen verdrängten Leids ebenso wie realer Not und bestehenden Unrechts ermöglicht und bewirkt vielleicht Bewegung und Veränderung in dieser Welt. Denn das Benennen und Wahrnehmen von Unrecht und Not lässt nicht unberührt; es verändert die Sicht auf die Welt und verändert damit auch das eigene Verhältnis zu den Entrechteten.

Vielleicht liegt genau darin die Kraft und Wirkung guten Betens: nicht dass es Gott bewegt, sondern dass es die in ihrem Gebet die Welt wahr-nehmenden Betenden selbst verändert.


Nächste Predigt: 31. Sonntag im Jahreskreis − C, 3. XI. 2019

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(Ingeborg Bachmann)
Markus Schlagnitweit