4. Sonntag der Osterzeit – C: Joh 10,27-30

(Linz – Ursulinenkirche, 12. V. 2019)

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Der 4. Sonntag der Osterzeit gilt traditionell als Weltgebetstag für geistliche Berufe, und es ist mittlerweile schon ein Ritual: In einschlägigen Äußerungen dazu wird die Wichtigkeit geistlicher Berufungen für das kirchliche Leben beschworen und der in unseren Breiten eklatant gewordene Mangel an Priestern beklagt. Bei den anlass­bezogenen Gottesdiensten wird de facto also eher „um“ (mehr) geistliche Berufungen als „für“ die geistlich Berufenen gebetet. Anhänger einer klerikal geprägten Kirche rufen in dem Kontext gar zu regelrechten „Gebetsstürmen“ auf; kirchliche Reformgruppen beten dagegen nicht weniger eindringlich und notorisch darum, dass endlich die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt gelockert werden. Vorzeigbare Ergebnisse bleiben indes auf allen Seiten aus. Man ist geneigt, die Sinnhaftigkeit solcher Weltgebetstage generell in Frage zu stellen, sofern man den in unseren Gebeten adressierten Gott nicht (zumindest implizit) für desinter­essiert, anderweitig beschäftigt oder selbst ratlos hält, wie es denn nun weitergehen soll.

Ein altsyrischer Theologe des 1. Jahrtausends sah die Wirkung menschlicher Gebete frei­lich anders: Er verglich Beten mit dem Tun von Matrosen, welche die Ankerleinen ihres Schiffs bereits am Ufer des Festlands vertäut haben und nun mit aller Kraft daran ziehen. Natürlich ziehen sie dadurch nicht das Festland zu sich heran, sondern bewegen – umgekehrt – ihr Schiff auf dieses zu. Gebete können also sehr wohl etwas bewir­ken und bewegen – aller­dings nicht auf Seiten des angerufenen Gottes, sondern der Betenden. Wer betet, bewegt sich selbst – nicht Gott! Die Richtung dieser Bewegung ist indes nicht immer absehbar.

Ich selbst komme aufgrund der anhaltend ungelösten Priesterfrage jedenfalls immer mehr zur Überzeugung, dass die traditionelle (also auch meine!) Form des zölibatär-männlichen Amtspriestertums unweigerlich auf ihr Ende zusteuert. Die Zahl junger Männer, die diesen Weg einschlagen, ist weltweit im Sinken, und es gibt nicht die geringsten Anzeichen für eine Trendumkehr – im Gegenteil: Mittlerweile wächst sogar unter Bischöfen die Einsicht, dass die „Missbrauchskrise“, die seit Jahren unsere Kirche und ihre Glaubwürdigkeit erschüttert, nicht nur durch verbrecherische Einzeltäter verursacht wurde; sie hat ihre Wurzeln vielmehr genau in diesem Macht-konnotierten System eines männlich-zölibatären Klerikalismus‘, das unsere Kirche seit Jahrhunderten prägt und umklammert. Welcher einigermaßen wache junge Mann auf der Höhe der Zeit kann und will da noch dazugehören? Es ist angesichts der Missbrauchskrise ja auch für mich persönlich nicht angenehm, einer Berufsgruppe anzugehören, die in der medialen Öffentlichkeit gleichsam unter dem „Generalverdacht“ sexueller Devianz steht. Dennoch kann ich dieser Krise positiv abgewinnen, dass sie das Ende eines Systems nur beschleunigt, für das es offenbar an der Zeit ist, abzutreten. Ich habe das während der Zeit meiner Ausbildung noch nicht so klar sehen können, aber mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass die Form des klerikalen Kultpriestertums, die sich über Jahrhunderte in unserer Kirche entwickelt hat – dass dieses klerikale Priestertum weder auf tragfähigen biblischen noch urchristlichen Fundamenten gründet, sondern dass es eher religions- und machtsoziologischen Wurzeln geschuldet ist.

Ich will hier aber keiner Untergangsstimmung das Wort reden. Ich möchte mit dieser Klarheit vielmehr den Blick frei machen für die einzige Form des Priestertums, die in unserer Kirche Zukunft haben soll: Ich spreche von jenem Priestertum, das auch das 2. Vatikanische Konzil im Blick hat, wenn es vom „gemeinsamen Priestertum aller Getauften“ spricht. Im Klartext: Ihr alle seid als getaufte ChristInnen auch gemeinsam PriesterInnen! Ihr alle seid als Getaufte zu dem berufen, was Priestertum letztlich bedeutet: etwas vom liebenden Wesen Got­tes bzw. Gottes Gegenwart in dieser Welt erfahrbar zu machen und zu vermitteln. Genau das feiern wir traditionell in der Eucharistie; aber die angesprochene Vermittlung darf nie darauf beschränkt bleiben: Teilt miteinander also nicht nur Brot und Wein, sondern alles, was zum Leben nötig ist bzw. dazu gehört: Lust ebenso wie Leid bzw. – mit den Worten des 2. Vaticanums – Freude und Hoffnung ebenso wie Trauer und Angst! In solchem Teilen vermitteln sich das liebende Wesen und die Gegenwart Gottes.

Man könnte die Bewegungslosigkeit unserer Kirchenleitungen in der Frage des Weiheamtes demnach auch so verstehen: als Entscheidung für eine kirchliche Zukunft überhaupt ohne klerikal-zölibatäres Amtspriestertum. Selbstredend ist so etwas denkbar. – Wozu dann aber noch weiter Weltgebetstage für (bzw. de facto: um) geistli­che Berufe (und insbesondere um Priester) veranstalten? Sollten wir nicht eher beten um ganz neue – weniger exklusive, sondern gemeinschaftlichere – Formen in der Ausübung des kirchlichen Hirtendienstes?

Wie auch immer: Besser früher als später wird unsere Kirche in der Frage des Priesteram­tes zu einer Entscheidung in die eine oder andere Richtung kommen müssen. Und worum genau Sie an diesem Weltgebetstag beten wollen, ist letztlich auch Ihre ganz persönliche Entscheidung. Nur eines sollten alle Betenden in Erinnerung behalten: Die erbetene Bewegung hat nicht auf der Seite Gottes, sondern auf Seiten der Betenden zu erfolgen.


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