2. Fastensonntag – C: Lk 9,28b-36

(Linz – Ursulinenkirche, 17. III. 2019)

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Es gibt Berggipfel, die sind gefährlich – aber nicht, weil sie so schwierig zu ersteigen oder so häufig Schauplatz heftiger Wetterstürze sind, sondern – im Gegenteil: weil sie so schön, so sonnenüberflutet und ein so idealer Aussichts- und Rastplatz sind; sie stiften den Bergsteiger zu überlangem Verweilen an und halten ihn vom notwendigen Abstieg ab. Ein erfahrener Alpinist weiß aber, dass ein Berggipfel auf Dauer kein Lebensraum ist.

Als passionierten Bergsteiger berührt mich das Evangelium von Jesu Verklärung immer besonders, und mein Mitgefühl gehört eindeutig dem Petrus. Der ist von dem ihm zuteil werdenden Gipfelerlebnis so überwältigt, dass auch er am liebsten oben blei­ben und ein paar Hütten bauen will. Er will den grandiosen Augenblick auf Dauer festhalten. Freilich merkt der Evangelist selbst gleich die Un­sin­nigkeit dieses aus spontaner Begeisterung geborenen alpinen Bauvorhabens an und fügt wie entschuldigend hinzu: „Er wusste aber nicht, was er sagte“. Zu spät, wie es scheint – denn wie ein veritabler Rüffel klingt gleich darauf die Stim­me aus der Wolke, so etwa wie: „Lass den Blödsinn! Auf Jesus sollst du hören!“ – Nun ist freilich anzunehmen, dass es dem Evangelium nicht um die Vermittlung der alpinistischen Ein­sicht geht, dass Berggipfel keine Orte für Daueraufenthalte sind. Aber es will uns vielleicht et­was ähnli­ches sagen: Es gibt wohl Augenblicke und Orte der intensiven Gottesbegegnung und Transzendenzerfahrung, wie sie Jesus und den drei Aposteln auf dem Berggipfel beschieden war. Aber es geht nicht um das Festhalten solcher Augenblicke und nicht um das Verharren an solchen Orten – aus zwei Gründen:

1. Gott ist immer größer als jedes menschliche Begreifen; die Begegnung mit Ihm ist deshalb stets vorläufig, flüchtig, fragmentarisch. Jeder Versuch, die Begegnung mit Gott an bestimmte Zeiten, Orte oder gar Methoden zu binden, ist deshalb zum Scheitern verurteilt.

Und 2.: Die intensive Gotteserfahrung ist auch gar nicht das Ziel christlicher Spiritualität bzw. echter Religiosität. Es ist zwar verständlich, wenn viele Menschen in ihren religiösen Suchbewegungen sich sehnen nach so etwas wie Erbauung und Trost in Situationen von Leid und Bedrängnis, nach Ruhe und Gelassenheit in einem stressgeplagten Leben, nach Schönheit in einer oft lärmenden und zerstörten Umwelt, nach Erfahrungen des Einsseins mit dem Universum in der Fragmentierung und Vereinzelung modernen Lebens, nach Transzendenzerlebnissen in einer tretmühlenartigen Realität, die uns vielfach als ausweg- und alternativlos verkauft wird. – Solche Erfahrungen und Erlebnisse tun zweifellos gut und mögen auch wichtige, ja lebensnotwendige Kraftquellen sein – aber sie sind nicht das Ziel, zumindest nicht das Ziel christlicher Spiritualität!

Der bekannte Benediktiner-Mönch David Steindl-Rast wurde einmal nach dem Wesen christlicher Spiritualität gefragt; seine Antwort – ein markanter Dreischritt: „Stop! – Listen! – Go!“ – „Stop!“, das meint Unterbrechung der alltäglichen Tretmühle durchaus im Sinne oben genannter Transzendenzerfahrungen und Gipfelerlebnisse. – „Listen!“, das meint genau hinhören und sich erinnern: Worum geht es eigentlich in meinem Leben? Worin besteht sein Sinn und Ziel? Gipfelerlebnisse und Unterbrechungen des Alltags sind gute Anlässe, sich dieser zentralen Frage christlicher Spiritualität und eigentlich jeder echten Religiosität zu erinnern, zu stellen und eine Antwort, ein Urteil darüber abzugeben. – Worauf es aber letztendlich ankommt, was keinesfalls unter den Tisch fallen darf, ist der 3. Schritt: „Go!“, das meint (verändert) weitergehen in die Umsetzung dieser Antwort; sich der alltäglichen Lebensrealität, sich der oft belastenden Umwelt wieder zuwenden und sie neu gestalten im Sinne des Gottesreiches; letztlich also wieder herabsteigen vom Berg in die Niederungen und Dunkelheiten menschlichen Lebens.

Christlicher Spiritualität geht es also nie nur um Seelen-Wellness, und sie ist schon gar keine Weltflucht. Ihr Ziel mag ungebrochene Gottesbegegnung sein – aber eben in der Liebe zur Mitwelt. Der Weg in der Nachfolge Jesu führt deshalb nicht aus der Realität dieser Welt hinaus, sondern immer tiefer in diese hinein. Für ChristInnen liegt der Himmel also letztlich – in der Gegenrichtung!


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(Ingeborg Bachmann)