32. Sonntag im Jahreskreis – B: Mk 12,41-44

(Linz – Ursulinenkirche, 11. XI. 2018)

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Dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, ist ein nahezu unumstrittener Gemeinplatz. „Leistung“ ist ein positiv konnotierter Begriff, und starke Leistung genießt in der Regel hohes Ansehen. Bekannt­lich gilt im herrschenden Polit- und Medien-Sprech aber v.a. als LeistungsträgerIn, wer im Rahmen des geltenden Steuer- und Abgabensystems viel beiträgt zur Finanzierung der staatlichen Solidareinrichtungen und öffentlichen Dienstleistungen. Je mehr also jemand in Form von Steuern und Abgaben zum öffentlichen Haushalt beiträgt, desto mehr darf er/sie sich als LeistungsträgerIn fühlen. Und diese Menschen dürfen nach heute weit verbreiteter Meinung dann auch nicht noch mehr belastet werden durch neue Steuern oder höhere Abgaben; denn das wäre im Sinne der Leistungsgerechtigkeit eben ungerecht und würde auch noch die Leistungsbereitschaft der LeistungsträgerInnen mindern bzw. demotivieren.

Überträgt man diesen Diskurs nun auf unsere biblische Erzählung, so müssten demnach die darin erwähnten Reichen als Leistungsträger gelten, denn sie legten – wie es heißt – viel in den Opferkasten für den Tempel, während die arme Witwe nur zwei lausige Münzen beisteuerte zum Tempelbudget. – Bekanntlich legt Jesus den Maßstab aber anders an: Die arme Witwe gibt mit ihrem gesamten, bescheidenen Lebensunterhalt weitaus mehr hin als jene, die zwar nominell viel, aber doch nur etwas von ihrem Überfluss beisteuern. Die eigentli­che Leistungsträgerin ist in der biblischen Beispielerzählung also die arme Witwe! – Die soziale Leistung und auch der Grad an Solidarität bemessen sich nicht an der objektiven Menge des Gegebenen, sondern an deren Verhältnis zum tatsächlich vorhandenen Vermögen der Gebenden. Unter dieser Prämisse erweist sich der moralisch ach so aufgeladene Leistungsträger-Begriff also als äußerst ungeeignet zur Wahrung der Interessen jener, die sich auch in unserem Land bislang recht erfolgreich wehren gegen eine wirklich vermögensbezogene Gestaltung der Steuer- und Abgabenordnung. – Es darf in dieser notwendig zu führenden Debatte freilich nicht übersehen werden, dass es dem Evangelium letztlich überhaupt nicht um Geldmengen per se geht; es geht vielmehr darum, ob die soziale Tat das Leben des Gebenden selbst substantiell verändert oder nicht.

Es ist deshalb ein schöner Zufall, dass heuer der Sonntag mit dieser Evangelienstelle ausgerechnet zusammenfällt mit dem Gedenktag des hl. Martin, der ja wohl zu den beliebtesten und brauchtumsseligsten Heiligen-Festen des kirchlichen Kalenders zählt. Die wohl bekannteste Legende aus dem Leben des hl. Martin – fast jedes Kind kennt sie – handelt von dem frierenden Bettler, für den der Heilige per Schwerthieb seinen Reiter­mantel entzweischnitt. Diese Episode bringt ungemein treffend auf den Punkt, was christliche Solidarität jenseits von Spendenhöhen u. dgl. meint.

Das Entscheidende: Martin bleibt in der Begegnung mit dem Bettler nicht in der souverä­nen Position des Wohltäters, der eben viel hat und davon etwas abgibt. Nein, er lässt sich auf eine tiefere Einheit mit dem Bettler ein. Er schenkt dem Bettler nicht einfach den ganzen Mantel, um sich dann woanders mit einem neuen zu versorgen (wozu er als Offizier wohl in der Lage gewesen wäre). Nein, er hat nach dem legendären Schwerthieb selber nur noch einen halben, unvollständigen Mantel. Er teilt also nicht nur seinen Mantel, sondern er teilt nach dieser Halbierung gewissermaßen auch des Bettlers Not: Mit der Teilung des Mantels hatten ja beide – Martin und der Bettler – einen nur ungenügend tauglichen Kälteschutz. Das klingt zunächst ziemlich unvernünftig – und doch liegt darin eine wichtige Botschaft der Legende. Durch das Teilen ist nämlich noch etwas ganz anderes, wesentliches geschehen: Veränderung nicht nur für den Notleidenden selbst, sondern auch für den Geber und damit ein Stück weit Veränderung der Strukturen dieser Welt: Es stehen einan­der nicht mehr länger nur Almosen-Geber und -Empfänger gegenüber – verbunden nur durch die Gabe des Almosens, aber jeweils in ihren ungleichen sozialen Positionen verharrend. Durch das wirklich substantielle Teilen sind sich Geber und Empfänger näher gekommen: Wir haben nun auf einmal zwei Menschen vor uns, die durch ihre jeweils eine Mantelhälfte gewissermaßen zusammengehören und einander nicht mehr länger als Bettler und Reicher gegenüber stehen, sondern als Menschen mit denselben Bedürfnissen und Rechten, letztlich mit derselben Würde. Gegen die Unrechtsstrukturen dieser Welt, welche unsere Gesellschaft spalten in Vermögende und Abhängige, vollführte der hl. Martin mit der Teilung seines Mantels die in dieser Welt wohl einzige Form eines Schwerthiebs, der nicht trennt, sondern wirklich eint …

– und der uns zu verstehen geben will: Christliche Solidarität zeigt sich nicht an der nominellen Höhe des Gegebenen; sie bemisst sich auch nicht primär daran, in welchem Ausmaß sie die Lage eines Notleidenden ändert. Sie bemisst sich in erster Linie daran, wie sehr sie das Leben des Gebenden verändert, wie sehr sie das Leben des Gebenden dem Empfangenden näher bringt und ihn in letzter Konsequenz selbst zum Empfangenden macht.


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