Taufe des Herrn – C: Lk 3,15-16.21-22

(Linz – Ursulinenkirche, 13. I. 2019)

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Mit dem heutigen Sonntag – Taufe des Herrn – beginnt in unserer Kirche nach Advent und Weihnachtszeit wieder der liturgi­sche Alltag. Dennoch erzählt uns das Evangelium eine wesentliche Szene im Leben Jesu, die noch einmal ganz das weihnachtliche Thema der Menschwerdung Gottes anschlägt: Jesus lässt sich am Jordan von Johannes taufen.

Dazu möchte ich die Aufmerksamkeit auf ein paar kaum auffallende Details lenken: Es heißt, dass Jesus sich dieser Taufe „zusammen mit dem ganzen Volk“ unterzog; d.h. er reihte sich ein, tat das, was viele seiner ZeitgenossInnen auch taten; nichts unterscheidet ihn in diesem Akt von seiner Mitwelt; nichts hebt ihn heraus. Die Botschaft lautet: Er ist einer von uns.

Diese Botschaft wird noch verstärkt durch eine Textpassage, die uns unsere liturgischen Vorlese-Bücher zwar verschweigen, die aber eigentlich noch zu dieser Tauferzählung ge­hört und unmittelbar an diese anschließt. Da heißt es: „Jesus war etwa dreißig Jahre alt, als er zum ersten Mal öffentlich auftrat. Er galt als Sohn Josefs.“ Und dann wer­den in einer Art Litanei alle Vorfahren Josefs (und also auch Jesu) aufge­listet – bis hin zu Adam, der nach biblischem Glauben ja als Erster der Menschen gilt und von dem das Lukas-Evangelium am Ende der ganzen Aufzählung betont: „Der stammte von Gott.“ – Es hat den Anschein, als wollte der Evangelist den Jesus-Titel „Sohn Gottes“, der doch zum zentralen Gut christlichen Glaubens gehört, be­wusst nicht abhängig machen von irgendwelchen außergewöhnlichen Ereignissen und Eigenheiten des Lebens Jesu, wie z.B. von seiner mysteriösen Geburt aus einer Jungfrau, von besonderen Wundertaten, aufgrund seiner besonderen moralischen Integrität u. dgl. Nein, die Botschaft lautet vielmehr: Jesus ist Gottes Sohn aufgrund seiner Abstammung von Adam. – Das aber gilt nach biblischem Glauben von uns allen: Wir alle sind Kinder Adams; wie er stammen auch wir von Gott. Die Stimme aus dem Himmel, die am Ende der Taufe Jesus „Gottes geliebten Sohn“ nennt, gilt also auch uns. Das ist letztlich auch die Kernbotschaft jeder christlichen Taufe, seit es diese gibt: Wir alle sind kraft der Taufe Gottes geliebte Kinder – und darin in nichts von Jesus unterschieden.

Die christliche Tradition war dennoch stets bemüht, Jesus auf ein höheres Podest zu heben, ihn irgendwie mehr als Gottes geliebten Sohn zu bezeichnen als alle anderen Menschen. So formulierte etwa eines der wichtigsten dogmatischen Konzile unserer Kirchengeschichte, das Konzil von Chalzedon (451), in seinem christologischen Bekenntnis, Jesus sei „in allem uns gleich außer der Sünde“. Ich behaupte: Selbst diese Formulierung ist mit Blick auf das Evangeli­um mit Vorsicht zu genießen: Denn die Taufe des Johannes‘, der Jesus sich „zusammen mit dem ganzen Volk“ unterzog, war – wie es an einem anderen Ort heißt – eine Taufe zur Vergebung der Sünden, also ein Reinigungsritual. – Das ist ein weiteres wichtiges Detail: Denn ich kann nicht glauben, Jesus hätte sich diesem Ritual unterzogen, ohne dessen wirklich zu bedürfen – so wie aus koketter Anbiederung an uns Menschen, die wir solch einer Reinigung wohl tatsächlich immer wieder bedürfen.

Ich glaube vielmehr, dass uns die Erzählung von der Taufe Jesu nur einmal mehr die ganze Wucht dessen vermitteln will, was Menschwerdung Gottes bedeutet: Jesus, den wir als Gott bekennen, ist einer von uns – ganz, also nicht nur einem äußeren Anschein nach; kein Gott, der wie in der griechischen Mythologie bloß in menschliche Kör­per schlüpft, um die gewohnten Weltläufte ein wenig zu stören und durcheinander zu brin­gen und sich dann wieder in seinen Himmel zu verabschieden. Nein, Gott wird in Jesus einer von uns – ganz und in allem, was menschliches Leben ausmacht: nichts bleibt ihm fremd; von nichts bleibt sein Menschsein unberührt: nicht von materiellen Bedürfnissen und menschlichen Verirrungen, nicht von Begehren und Sexualität, nicht von Leid und nicht einmal vom Tod.

Die so radikal verstandene Menschwerdung Gottes ist zugleich eine unüberbietbare Bejahung, Würdigung und Heiligung menschlichen Lebens, ja überhaupt der ganzen Welt, in der sich unser Menschsein vollzieht. Es ist ja diese Welt, in die hinein Gott Mensch wurde. Es ist diese konkrete Welt, in der Gott uns also begegnet. Es ist diese Welt, in welcher es Gott zu suchen gilt, und in welcher Er sein Wort an uns richtet – nirgends sonst.

Es steht uns ChristInnen also nicht gut an, diese Welt – trotz all ihrer problematischen Sei­ten – unter negativen Vorzeichen zu betrachten, wie das leider – zumindest seit Augustinus – auch zur christlichen Tradition gehört. Es steht uns nicht gut an, Desinteres­se an dieser Welt zu zeigen, uns ihr zu verschließen und unser Heil anderswo zu suchen: in irgendwelchen religiösen Sonderwelten, in infantilen Jenseits-Träumen oder esoteri­schen Heilsreservaten. Es steht uns nicht gut an, diese Welt nur als Ort der Versuchung, der Sünde und des Bösen zu betrachten (was sie zweifellos auch ist), sondern – im Gegenteil: Wir haben dieser Welt als Ort des Heils zu begegnen, weil sie der Ort von Gottes Menschwerdung ist, und weil sich also in ihr – und nirgends sonst – die Begegnung mit Gott ereignet.

Das ist übrigens eine der großen Botschaften des 2. Vatikanischen Konzils, wenn es uns ermutigen will, die „Zeichen der Zeit“ zu lesen, und die Kirche so den Realitäten der Gegenwart öffnet: in Wirtschaft und Gesellschaft, in Wissenschaft und Politik. Nichts davon darf ChristInnen fremd sein, ignoriert oder abgeurteilt werden; alles verdient vielmehr, dass man ihm – zwar nicht unkritisch, aber dennoch in jedem Fall – mit Achtung, mit Wertschätzung und Liebe begegnet. Denn wir haben keinen anderen Ort der Gottesbegegnung – und jede kulturpessimistische Attitüde, jede vorgeblich fromme „Entweltlichung“ unseres Christseins, jede prinzipielle Verurteilung und Verachtung des „Zeitgeistes“ ist letztlich Verrat am Glauben an die Menschwerdung Gottes in dieser Welt.


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3. Sonntag im Jahreskreis − C, 27. Jänner 2019
 

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