Die aktuelle Predigt

Maria Empfängnis – A: Gen 3,9-15.20 / Lk 1,26-38

(Linz – Ursulinenkirche, 8. XII. 2019)

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Der heutige Sonntagsgottesdienst ist Teil einer österreichischen liturgischen Eigenart: Weltweit wird heute der 2. Adventsonntag gefeiert; denn eine zentrale Regel für den liturgischen Kalender besagt, dass außer Weih­nachten, Ostern und Pfingsten kein anderes Hochfest einen Sonntag schlägt (der ja so etwas wie ein allwöchentliches Auferstehungsfest ist). Nur in Österreich ist das anders: Vor einigen Jahrzehnten haben Österreichs Bischöfe in Rom extra die Ausnahme erwirkt, das heutige Marien-Hochfest auch in solchen Jahren feiern zu dürfen, an denen es auf einen Sonntag fällt. Warum dieser nationale Sonderweg? – Dafür lohnt es sich, einen Blick auf die Geschichte dieses besonderen, aber auch umstrittenen Festes zu werfen:

Nachweisen lässt sich ein kirchliches Gedenken der Empfängnis Marias bereits seit dem 9. Jh. Offenbar wollte man der unter allen christlichen Heiligen so einzigartigen Rolle Marias dadurch Tribut zollen, dass man bereits ihrer ganz natürlich erfolgten Zeugung ein eigenes Fest widmete. Zum Gegenstand theologischer Kon­troversen wurde dieses Fest erst, als im Spätmittelalter v.a. Theologen des Franziskaner­ordens diesen Festinhalt mit einer sehr speziellen und problematischen Ausformung der Lehre von der Erbsünde verknüpften, die letztlich auf den Kirchenlehrer Augustinus zurück­geht. Problematisch ist die augustinische Lehre von der Erbsünde v.a. wegen ihrer leib- und sexualitätsfeindlichen Grundposition; die lässt sich freilich mehr aus der spezifischen Biografie des Kir­chenlehrers herleiten denn aus einem biblischen Fundament. Erst durch diese Verknüp­fung mit der augustinischen Prüderie wurde aus dem ursprünglich unter dem Namen „Erwäh­lung Mariens“ bekannten marianischen Zeugungsfest allmählich ein Fest „der ohne Erbsünde empfangenen“ Gottes­mutter – und das, obwohl einige der bedeutendsten Theologen des Mittelalters sich gegen diese Umdeutung aussprachen. Im 19. Jh., einem der dunkelsten Kapitel der gesamten Theo­logiegeschichte, erfolgte schließlich sogar die Dogmatisierung der „von jeder Sünde freien Empfängnis Marias“ unter Pp. Pius IX.

Woher nun aber die besondere Österreich-Komponente des heutigen Hochfestes? – Die reicht bis in die Zeit des 30jährigen Kriegs zurück: Nachdem Wien damals von Fremdherrschaft verschont geblieben war, erhob Kaiser Ferdinand III. aus Dankbarkeit Maria zur Schutzheiligen Österreichs und führte 1647 den 8. Dezember als allgemeinen Feiertag in den österreichischen Landen ein. Das galt, bis dieser unter der Nazi-Herrschaft im 2. Weltkrieg abgeschafft wurde. Erst mit der Wieder­erlangung der staatlichen Unabhängigkeit ist Mariä Empfängnis seit dem 8. Dezember 1955 wieder ein gesetzlicher Feiertag in Österreich. – Daraus folgt: Die emotionale Aufla­dung und besondere Rolle des 8. Dezembers hat in Österreich weniger mit seinem theologisch höchst umstrittenen Fest-Inhalt zu tun als vielmehr mit seiner historischen Symbolkraft für die Freiheit von politischer Fremdherrschaft (obwohl es im Falle der Nazi-Herrschaft in Österreich natürlich nicht unproblematisch ist, von „Fremdherrschaft“ zu reden).

Genau diese Symbolik des 8. Dezembers als Freiheitsfest könnte nun aber Anlass geben zu einer theologischen Wendung, an welche seine Urheber kaum gedacht haben dürften: Ich bin der festen Überzeugung, dass viele KatholikInnen heute das Dogma von der „unbefleckten Empfängnis Marias“ etwa so wie eine theologische Fremdbestimmung empfinden; und der Blick auf die skizzierte Geschichte unseres Hochfestes kann das auch bestätigen: Eine äußerst partikuläre und aus heutiger theologischer Perspektive kaum noch tragfähige Deutung der christlichen Erbsündenlehre wurde im Zuge des Macht-Pokers zwischen einzelnen theologischen Schulen bzw. kirchenpolitischen Parteien allmählich zur allgemein verbindlichen Glaubenslehre erho­ben und so gleichsam der Gesamtkirche übergestülpt. Wenn in Österreich der 8. Dezember aber so sehr verknüpft ist mit seiner Symbolik für die Freiheit von Fremdherrschaft – sollte diese Freiheit an diesem Tag dann nicht gerade auch hochgehalten werden gegen alle Ver­suche theologischer bzw. religiöser Fremdbestimmung?

Und noch etwas: Heute ist der 8. Dezember auch in Österreich schon lange kein wirklich religiöser Feiertag mehr, sondern ein Festtag der Geschäftskassen im vorweihnachtlichen Kaufrausch. Seit Jahren sind da die Geschäfte offen; und heuer versuchten einige Handelsver­treter sogar, eine Sonntagsöffnung zu erwirken, weil der 8. Dezember ja auf einen Sonntag fällt und deshalb als für die KonsumentInnen arbeitsfreier Extra-Einkaufsfeiertag ausfällt. Das wurde zum Glück abgewehrt. Der 8. Dezember könnte in Österreich also auch ein Symboltag christlichen Widerstands gegen die hemmungslose Hegemonie der Konsum-Industrie sein.


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